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Büros und Bürokratie

Aktualisiert: 25. Nov. 2021

Zumal seitdem die Krise Griechenland in das Zentrum der Aufmerksamkeit auch in Mitteleuropa gerückt hat, gibt es eine große Anzahl an Berichten und Reportagen über die vermeintlich überbordende Bürokratie in griechischen Ämtern und Behörden. Aber auch in Internet-Foren von Griechenland-Enthusiasten finden sich haarsträubende, mitunter auch kuriose Geschichten über den Umgang mit der griechischen Bürokratie, die Umständlichkeit in Prozessen, auch der Unfreundlichkeit und mitunter Unfähigkeit von Menschen, die für die Einhaltung der Prozesse verantwortlich sind – vor allem aber über seltsame Vorschriften, deren Sinngehalt sich nicht immer unmittelbar erschließt.

Und wie ist das nun wirklich hier in Mires, in Südkreta?

Wir haben zwangsläufig schon mit einigen Behörden und staatlichen oder halbstaatlichen Stellen hier zu tun gehabt und unsere Erfahrungen machen können. Über die Zollbehörde haben wir bereits berichtet: Es hat viel Zeit gekostet, die Importe von Container und unserem Auto zu bewerkstelligen, aber es hat letztlich gut geklappt. Wir hatten mit der Um- und Anmeldung von unserem Auto in Griechenland zu tun: Das war auch etwas mühsam und wirkte umständlich auf uns, aber auch hier haben uns freundliche Menschen geholfen. Über den Umgang mit der griechischen Post haben wir berichtet, und ergänzend ist festzuhalten, dass Madeleine den Mitarbeitenden in der Post von Mires auch mit hartnäckig wiederholt freundlichem Auftreten noch kein Lächeln entlockt hat – mich faszinieren immer wieder vor allem die mangelnden Kenntnisse der in der Poststelle Arbeitenden, was beispielsweise Versandformen oder Frankierungen angeht. Wir haben mit dem Finanzamt zu tun gehabt, auf dem wir Steuern einzahlen mussten bzw. eine Zahlungsanweisung erhielten, mit der wir sofort zur Bank gehen mussten. Wir haben das Kraftfahrzeugverkehrsamt kennengelernt, auf dem wir im zweiten Anlauf die richtigen griechische Kennzeichen bekamen, nachdem wir beim erwähnten Finanzamt und erwähnter Bank waren. Und die Polizeistation von Mires haben wir kennengelernt, weil wir uns hier anmelden mussten.

Diese Büros sehen eigentlich alle ähnlich aus. Sie wirken so, als ob sie sich gerade in einer frühen Renovierungsphase befinden, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken soll. Das sind keine feinen Büros mit gehobenen Ausstattungen für die Mitarbeitenden zum effektiven Wohlfühlarbeiten, wie man sie aus Deutschland und der Schweiz ganz selbstverständlich kennt. Hier wird an klapprigen Tischen in behelfsmäßig wirkenden Umgebungen und auf Uralt-Sitzmöbeln mit Computern und Druckern gearbeitet, die mindestens zehn Jahre alt sein dürften: Ihre Vorgänger türmen sich in Ecken und Schränken, eingestaubt und erkennbar defekt – aber vielleicht ja doch noch irgendwie tauglich als Ersatz, wenn andere Geräte mal nicht funktionieren. Die Arbeitsplätze sind scheinbar ohne Plan in wenig aufgeräumte Zimmer gestellt, hier gibt es keine Einzelbüros, überall da, wo Platz ist, wird gearbeitet. Büromaterial ist untergebracht in Schränken, denen die Türen fehlen – das hier wirkt auf Außenstehende nicht wohlgeordnet, es fehlt einfach auch an Platz und Raum dafür. Was wird hier noch gebraucht? Was wartet auf den Abtransport? Was befindet sich in Bearbeitung? Die Voraussetzungen dafür, dass in solchen Räumlichkeiten mit solchen Ausstattung unter solchen Bedingungen gut gearbeitet werden kann, sind ungünstigst. Kein deutscher Beamter, keine schweizerische Beamtin würde so arbeiten wollen. Umso mehr macht Eindruck, dass hier gearbeitet wird - und dass es funktioniert. Hut ab vor denjenigen, die hier für den griechischen Staat ihre Arbeit machen.

Die Sache mit der übertriebenen Bürokratie haben wir erahnen können, aber nicht wirklich durchlebt. Wir brauchen hier eine Aufenthaltsbewilligung, weil wir eben Autos importieren, ein Grundstück besitzen, ein Geschäft eröffnen, hier Steuern zahlen. Es gibt in den

einschlägigen Foren abschreckende Berichte darüber, wie man auf Kreta eine solche Bewilligung, quasi eine Art griechischen Ausweis, bekommt und was es dafür braucht. Zunächst einmal lässt sich festhalten, dass es zwar gewisse Grundregeln gibt, aber die Handhabung der Regeln den örtlichen Polizeidienststellen überlassen bleibt - und hier offenbar ganz unterschiedliche Anforderungen gestellt werden. Das macht die Sache komplizierter, weniger berechenbar. Es gibt auch Einwanderer auf Kreta, die auf diesen Ausweis besser gleich ganz verzichten angesichts des zu bewerkstelligenden befürchteten Aufwandes – und damit auch irgendwie unbehelligt über die Runde kommen. Wir möchten aber so einen Ausweis gerne haben, wir möchten uns vergriechischen und das auch amtlich beglaubigt darstellen können. Dass es dafür eine Bescheinigung des Vermieters braucht, sehen wir ein. Die haben uns unsere Vermieter natürlich auch gegeben. Dass es dazu normalerweise auch einen Mietvertrag braucht, hätten wir noch eingesehen, aber den haben wir noch nicht bekommen. Den Nachweis einer griechischen Krankenversicherung soll man vorlegen bei der Polizei – es ist hier nicht der Ort, um darüber zu berichten, wie man so eine Krankenversicherung tatsächlich bekommt, um es kurz zu machen, sei nur erwähnt: Es geht, und auch meine Begutachtung durch einen Kardiologen in Heraklion als Voraussetzung für den Versicherungseintritt in der kleinsten denkbaren Arztpraxis war letztlich ein Erlebnis, das ich im Nachhinein nicht missen möchte, denn ich habe einiges gelernt. Es braucht dann auch noch einen Anstellungsnachweis, aber bei Einwandern, die gar nicht angestellt sind, sondern selbst ein Unternehmen gründen wollen, wie beispielsweise uns, braucht es einen Einkommensnachweis: einen Kontoauszug zum Beispiel. Die griechische Steuernummer muss man vorweisen können. Und eine Abmeldebestätigung der letzten Wohnsitzgemeinde. Drei Fotos natürlich auch. In Ierapetra braucht es angeblich auch noch eine Leumundsbescheinigung der Nachbarn, aber wir wohnen ja nicht in Ierapetra. Angeblich muss man auch noch eine Gebührenmarke kaufen, die kostet 23 Cent, aber mehrere Einwanderer haben angeblich schon mit dem Problem zu kämpfen gehabt, dass man die Gebührenmarke nirgendwo käuflich erwerben kann.

Die Polizeistation von Mires hat einen großen Parkplatz, auf den wir uns nur zögerlich getraut haben, denn dort sind vor allem Unfallwagen und solche Autos abgestellt, die sich

offenbar illegal auf Kreta befanden, auch irgendwie - mit entsprechender Zeit hier - zunehmend kriminell-verwegen auszusehen beginnen und hier nun auf ihre Besitzer warten. Das Polizeirevier befindet sich in einem solchen Zustand, wie oben beschrieben: Auch hier sieht es so aus, als ob Renovierungen vor Jahren begonnen wurden, aber irgendwie in den Anfängen stecken blieben und nun alle Leute in einem Provisorium arbeiten. Wir werden freundlich bestimmt begrüßt, Madeleine trägt unser Anliegen auf griechisch vor, was uns erkennbar einige Sympathiepunkte einbringt. Wir sollen eine Stunde später wiederkommen, dann sei der zuständige Beamte auch da. Das machen wir – und gefragt sind nun unsere Ausweise, die Vermieterbestätigung, zwei Fotos. Wir zeigen auch gleich noch alle unsere anderen Dokumente, die wir nun mitgebracht haben, denn wir sind ja prima vorbereitet, aber so wirklich gefragt sind die hier anscheinend nicht, was uns fast ein wenig enttäuscht. Montag sollen wir dann mal wieder kommen. Wir kommen Montag wieder, bereit, hier weitere Dokumente nachzureichen, Fragen zu beantworten, Gebührenmarken zu kaufen. Ein anderer Herr sieht sich mal die Ablage an, als wir kommen, zieht unsere Anträge hervor, die sehen nicht wirklich bearbeitet aus, er sucht noch ein bisschen weiter – und drückt uns zu unserem Erstaunen und nicht zu unterdrückenden Freude unsere Ausweise in die Hand. Halt, nein, dann nimmt er sie doch noch einmal an sich, um sie seinem Chef zu zeigen, und er zeigt auch gleich uns seinem Chef. Der winkt uns freundlich zu, wir bekommen die Ausweise und verlassen die Polizeistation in Mires. Das war aber einfach. Nun kommen wir uns schon sehr viel mehr griechisch vor und sind mächtig stolz auf unsere griechischen Ausweise.

Wir wohnen hier und sind amtlich beglaubigt ein bisschen mehr Griechen, finden wir.


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